Cornelis Lambertus van Leuwen (7.01.1909-23.11.1944)

In diesem Bericht geht es um Cornelis Lambertus van Leuwen, geboren am 7.1.1909 in Putten. Er starb am 23.11.1944 in Ladelund.

Neben der traurigen Geschichte von Cornelis Lambertus van Leuwen, der im KZ Ladelund ermordet wurde, erzählt diese Biografie auch vom intensiven Kontakt mit Angehörigen und Freunden.

Cornelis Lambertus van Leuwen war Bäcker in Putten, als er Anfang Oktober im Zuge der Razzia in Putten verhaftet wurde. Er hatte bereits eine kleine Tochter und seine Frau war erneut schwanger. Das Foto zeigt ihn zusammen mit seiner älteren Tochter auf dem Fahrrad. Das zweite Kind wurde Mitte Mai 1945 geboren und hat seinen Vater nie gesehen. Denn Cornelis Lambertus van Leuwen war bereits am 23. November 1944 im KZ Ladelund gestorben.

Umso erstaunter und vor allem erfreut waren wir, als im August 2021 die erstgeborene Tochter von Cornelis Lambertus van Leuwen zu Besuch in der KZ-Gedenk- und- Begegnungsstätte war. Sie lebt seit Jahren in München, hat aber enge Kontakte nach Rodenäs und war zu Besuch im Norden. Sie hat die Chance ergriffen, zum ersten Mal das Grab ihres Vaters zu besuchen und ist seitdem ein gern gesehener Gast, wann immer sie in der Nähe ist. Auch ihr Gastgeber und Kollege aus Rodenäs war seitdem immer wieder zu Besuch in Ladelund. Wir freuen uns immer über den Kontakt und wertschätzen die Besuche sehr.

Elie Michelier (21.09.1926-29.11.1944)

Ein Foto weckt die Erinnerung

Heute geht es um Elie Michelier, geboren am 21.9.1926 in Entraigues-sur-la-Sorgue im Süden Frankreichs. Er starb am 29.11.1944 in Ladelund.

Immer noch melden sich Angehörige in der KZ-Gedenk- und- Begegnungsstätte auf der Suche nach Menschen, die vermutlich im KZ Ladelund ermordet wurden. Und manchmal rührt der dabei entstehende Briefwechsel zu Tränen, weil die Geschichte so zu Herzen geht. So auch in diesem Fall.

Elie Michelier gehört mit seinen damals 18 Jahren zu den jüngsten Opfern des KZ Ladelund. Seine Nichte Martine hat uns angeschrieben. Elie war 1942 mit seinem Vater Aristide zur Arbeit nach Deutschland gegangen, ob aus Zwang oder freiwillig, bleibt unklar. Vater Aristide kehrte nach dem Krieg alleine nach Frankreich zurück, die Wege von Vater und Sohn hatten sich getrennt.
Elie wurde in Ladelund ermordet. In Frankreich geblieben war der jüngere Bruder von Elie, Fernand. Dessen Tochter, die uns kontaktierte, schrieb, dass Fernand dem Vater nie vergeben habe, ohne den älteren Sohn, Elie, heimgekehrt zu sein.
Fernand lebt noch heute und ist 95 Jahre alt.

Elies Nichte Martine haben wir ein Bild von Elie aus einem französischen Archiv geschickt, dass wir bei unseren Recherchen gefunden hatten. Ihr Mann und sie haben das Foto dem 95jährigen Bruder von Elie gezeigt. In ihrer Mail schreibt sie: „…Es war ein bewegender Moment für diesen alten Mann, der nach 84 Jahren das Gesicht seines Bruders vergessen hatte…“
Das Bild hängt jetzt in der Wohnung von Fernand an der Wand mit allen anderen Familienfotos. Und Martine sollte uns schreiben: …„Sag den Leuten in Deutschland Danke. Ich habe nun Frieden und bin ruhig!“…

Solche Geschichten berühren tief und zeigen immer wieder wie wichtig die Arbeit der KZ-Gedenk- und- Begegnungsstätte ist.

Emilio Angelo Gorletti – die Frage der Herkunft (9.10.1911-8.12.1944)

Heute geht es um Emilio Angelo Gorletti, geboren am 9.10.1911 in Rombas (Lothringen). Er starb am 8.12.1944 in Ladelund.

Der Name „Emilio Angelo“ lässt auf den ersten Blick eine Herkunft aus Italien vermuten. Doch wie bei vielen zunächst offensichtlich erscheinenden Hinweisen, leitet diese Annahme in die Irre. 
Emilio Angelo Gorletti war Franzose. Er wurde in Lothringen geboren, als letzter Wohnort steht Tremery, ebenfalls in Lothringen gelegen, in den Dokumenten zu seinem Namen. Vermutlich war er Mitglied der französischen Resistance und wurde im Juni 1944 als Widerstandskämpfer verhaftet.

Über ein Gefängnis in Metz gelangte er in das KZ Natzweiler und wurde von dort über das KZ Dachau Ende Oktober 1944 in das KZ Neuengamme deportiert. Von dort gelangte er im November in das KZ Ladelund, wo er am 8. Dezember 1944 aufgrund der Entbehrungen, der schweren Arbeit, der Misshandlungen und der schlechten Versorgung starb. Pastor Meyer begrub ihn in Grab Nr. 8.

Die Frage seiner Herkunft, d.h. ob er aus Frankreich oder vielleicht doch aus Italien stammte, scheint schon seinen Zeitgenossen unklar gewesen zu sein. In einer Übersicht der verschiedenen Haftorte, die vermutlich aus dem KZ Neuengamme stammt, wird er als Sch (= Schutzhäftling) Franz ital. geführt. Auch das KZ Dachau registrierte ihn als Italiener. Doch sein Geburts- und Wohnort weisen eindeutig auf seine franz. Herkunft hin.

Emilio Angelo Gorletti ist damit einer derjenigen Häftlinge, die uns bei unseren Recherchen immer wieder vor Herausforderungen stellen. Seinen Lebensweg nachzuvollziehen (er war verheiratet und hatte zwei Kinder), ist eine spannende Aufgabe, und die vorgefundenen Daten weisen einmal mehr darauf hin, dass es immer möglichst viele Dokumente unterschiedlicher Herkunft sind, die zum tatsächlichen Gesamtbild beitragen.

Jan Kamphorst (02.04.1910-25.11.1944)

Heute stellen wir die Biografie eines Häftlings des KZ Ladelund vor. Es geht um Jan Kamphorst, geboren am 2.4.1910 in Nijkerk (NL) in der Nähe von Putten. Er starb am 25.11.1944 in Ladelund.
Jan Kamphorst war von Beruf Kaufmann, er war seit 1935 verheiratet und hatte vier Kinder. Als männlicher Einwohner von Putten (NL) gehörte er zur Gruppe derjenigen Männer, die nach dem Anschlag vom 2. Oktober 1944 verhaftet und deportiert wurden.

Immer wieder kommen Angehörige nach Ladelund, um die Gräber ihrer Lieben zu besuchen. Mittlerweile sind es nur noch selten die Kinder der Toten, sondern vielmehr Enkelkinder, Großneffen und -nichten. Wann immer Angehörige kommen, bieten wir an, die Fotos und Dokumente, die wir zu ihrem Verwandten gesammelt haben, auszudrucken oder per mail zu verschicken. Vielfach sind die Unterlagen in der Familie gar nicht bekannt!

Vor kurzem war eine Tochter von Jan Kamphorst auf dem Weg zum Urlaub in Skandinavien in der Gedenkstätte. Wie immer haben wir die Dokumente zu Jan Kamphorst ausgedruckt und der Tochter übergeben. Am Tag darauf war die Tochter mit ihrem Mann zurück in der Gedenkstätte mit der Aussage, in den Dokumenten stimme etwas nicht.
Und tatsächlich war auf einem Dokument aus dem Lager Amersfoort vermerkt, dass Jan Kamphorst am 9.3.1944 verstorben sei… Hmmm, das konnte so nicht sein, denn das KZ Ladelund bestand erst ab dem 1.11.1944 und Jan Kamphorst wurde hier, in Grab Nr. 7, am 25. oder 26.11.1944 begraben. 

Eine Nachfrage in der Gedenkstätte Amersfoort ergab, dass die Nummer 7759 auf dem Dokument nicht nur Jan Kamphorst zugeordnet werden konnte, sondern davor schon einmal vergeben worden war. Aber nicht nur die Angehörigen erfuhren Neues zu Jan Kamphorst, auch wir lernten, dass die Mutter und die Schwester von Jan Kamphorst schon im Oktober 1950, als zwei Busse aus Putten Angehörige nach Ladelund brachten, mitgefahren waren, um das Grab ihres Sohnes bzw. Bruders zu besuchen.
Dieser erste Besuch von Angehörigen aus Putten jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Seitdem besteht die Beziehung zu den Angehörigen aus Putten, aus der sich so intensive Freundschaften entwickelt haben.

Georg Bartels (10.10.1899-09.11.1944)

Heute stellen wir die Biografie des KZ-Häftlings Georg Bartels vor.

Von Georg Bartels haben wir nur das hier abgebildete Foto, wissen aber durch einen späteren Briefwechsel mit der Ehefrau und dem Sohn sowie weitere Dokumente relativ viel über seinen Lebensweg.

Georg Bartels geriet als Funktionär der Kommunistischen Partei (KPD) relativ früh in das Visier der Nationalsozialisten. Als Anhänger einer politischen Überzeugung, die von den Nationalsozialisten vehement abgelehnt wurde, verhafteten sie ihn bereits im März 1933 kurz nach ihrer Machtübernahme zum ersten Mal. Zwar wurde er im Juni 1933 wieder auf freien Fuß gesetzt, seine Leidenszeit war aber damit nicht zu Ende. Einige Jahre später, im Sommer 1944, wurde er erneut inhaftiert und im Stadtgefängnis in Stadthagen – seiner Heimatstadt – eingesperrt.  Von dort wurde er im Oktober 1944 in das Gefängnis Magdeburg verlegt und gelangte dann über die Konzentrationslager Sachsenhausen und Neuengamme Anfang November 1944 nach Ladelund.

Als 23. Gefangener des KZ Ladelund starb er am 9. November 1944, vermutlich, weil er entkräftet von seinen früheren Hafterfahrungen nach Ladelund kam, und wurde von Pastor Meyer in Grab Nr. 3 beerdigt.
Sein Sohn, der das Grab seines Vaters schon im September 1945 besuchte, stellte zusammen mit seiner Mutter Lina Bartels, einen Antrag auf Exhumierung und Umbettung der Leiche nach Stadthagen. Dieser Antrag wurde im Oktober 1945 von Seiten des Amtsarztes abschlägig beschieden, weil es „nicht mehr möglich sei, eine einzelne Leiche zu identifizieren“.
Dennoch wird auch heute in Stadthagen an Georg Bartels erinnert, nach dem eine Straße benannt wurde.

Genesio Santin – ein Widerstandskämpfer aus Italien (15.08.1909 – 11.12.1944)

Heute erinnern wir an den Häftling Genesio Santin, geboren am 15.08.1909 in Sacile in Norditalien. Er war inhaftiert im KZ Ladelund und starb in Ladelund am 11.12.1944.

Erst im Frühjahr des Jahres 2024 wurde in Sacile (einer kleinen Stadt in Norditalien, die wegen ihrer vielen Kanäle oft als Garten Venedigs bezeichnet wird) ein Stolperstein zu Ehren von Genesio Santin verlegt. Schüler aus Sacile haben die Geschichte Santins recherchiert und zusammen mit der politischen Gemeinde die Verlegung des Stolpersteins angeregt. Über ein Bild der Aktion sind wir bei unseren Recherchen auf die Geschichte Santins gestoßen.

Über die Jugend Santins wissen wir nichts. Es ist nur bekannt, dass er verheiratet und katholisch war. Er hat als Bauer gearbeitet. In die italienische Armee wurde er nicht eingezogen. Nachdem der Norden Italiens ab dem Herbst 1943 von deutschen Truppen besetzt wurde, beteiligte sich Genesio Santin an Aktionen des Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Bei einer Razzia in Sacile im August 1944 wurde auch Genesio Santin verhaftet. Nach seiner Verhaftung verbrachte er ab Anfang Oktober 1944 einige Wochen im KZ Dachau, bevor er über das KZ Neuengamme weiter nach Ladelund deportiert wurde.

Genesio Santin starb am 11. Dezember 1944 im KZ Ladelund kurz vor der Auflösung des Lagers und wurde in Grab Nr. 9 bestattet.

Armand Avenant Sébastien Claret (31.12.1920-15.11.1944)

Plötzlich wissen wir mehr …

Heute geht es um Armand Avenant Sébastien Claret, geboren am 31.12.1920 in Sales-le Chateau. Er starb am 15.11.1944 in Ladelund und wurde in Grab Nr. 4 bestattet.

Sales-le Chateau ist eine kleine Stadt im Süden Frankreichs, nahe der Grenze zu Spanien. Erst durch den Kontakt mit einem französischen Forscher sind wir darauf aufmerksam geworden, dass es in dieser Stadt eine große Straße mit dem Namen Avenue Armand Claret gibt. Dennoch war weder hier in Ladelund noch in Sales-le Chateau viel über Armand Claret bekannt. Das hat sich durch einen sehr intensiven Briefwechsel geändert.

Der französische Forscher Dominique Presse hat einen Neffen und eine Nichte von Armand Claret ausfindig gemacht und mit ihnen gesprochen. Nach seinen Hinweisen haben wir im Staatsarchiv in Nürnberg nach Akten gefragt, denn Armand Claret wurde 1943 zur Zwangsarbeit nach Deutschland eingezogen. Armand Claret taucht in den Arbeitsamtakten auf. Diese lassen jedoch keinen Schluss darauf zu, in welchem Ort Armand Claret zur Zwangsarbeit eingesetzt wurde. Was wir jedoch wissen, ist, dass Armand Claret noch in Frankreich eine Beziehung zu einer deutschen Frau unterhielt und dass dieser Beziehung ein Kind entstammte. Da solche Beziehungen verboten waren, wurde Armand Claret zur Zwangsarbeit eingezogen. Wieso er zunächst ins Gefängnis nach Nürnberg gelangte, dann in das KZ Dachau deportiert wurde und von dort in das KZ Ladelund geschickt wurde, ist unbekannt.

Kurz nach dem Krieg besuchte die Halbschwester von Armand Claret dessen Grab in Ladelund. Von diesem Besuch stammt das Foto Clarets, das die Schwester Pastor Meyer zeigte. Von dem unehelichen Sohn Clarets fehlt noch jede Spur, die Familie in Frankreich hofft, den mittlerweile über 80jährigen Mann, über verschiedene Dokumente finden zu können, um einen Kontakt herzustellen.

Abraham (Bram) Duits – der einzige jüdische Tote des KZ Ladelund (01.02.1909 – 16.11.1944)

Heute geht es um Abraham (Bram) Duits, geboren am 01.02.1909 in Dordrecht in den Niederlanden. Er starb am 16.11.1944 in Ladelund.

Abraham Duits

Gerade junge Menschen fragen bei einem Besuch der Gedenkstätte oft nach dem Ort der Krematorien und gehen ganz allgemein davon aus, dass im KZ Ladelund hauptsächlich Juden inhaftiert worden waren. Das zeigt, dass die Berichte und Bilder über die großen Konzentrations- und Vernichtungslager wie Auschwitz, Bergen-Belsen oder Buchenwald das allgemein vorhandene Wissen prägen und dass dieses Wissen auch auf das KZ Ladelund übertragen wird.

Dabei ist Bram Duits der einzige Jude, von dem wir wissen, dass er im KZ Ladelund eingesperrt war und der hier gestorben ist. Er wurde von Pastor Meyer im Grab Nr. 5 begraben.

Abraham Duits mit Ehefrau

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lebte die Familie Duits – Abraham hatte 1935 geheiratet und war kurz darauf Vater geworden –  in Amersfoort. Er arbeitete im Unternehmen seines Vaters, das Werbematerialien und Kalender produzierte und vertrieb. Seit Frühsommer 1942 versteckte sich Abraham Duits in Amsterdam unter falschem Namen, um der bevorstehenden Deportation zu entgehen. Seinen Sohn hatte er zu Freunden gebracht. Seine Frau hatte versucht, in die Schweiz zu fliehen, war aber aufgegriffen und inhaftiert worden.

Stolperstein Abraham Duits in Amersfoort

Am 16. September 1944 verhafteten die deutschen Besatzer Abraham Duits während einer Razzia in Amsterdam. Er wurde zunächst unter einem falschen Namen, der ihn nicht sofort als Jude kenntlich machte, über das Lager Amersfoort nach Neuengamme und weiter nach Ladelund verschleppt.
Seine Frau und sein Sohn überlebten die nationalsozialistische Verfolgung. Samuel Duits besuchte das Grab seines Vaters und die Gedenkstätte in Ladelund im November 1997.

James Joseph Augustin, genannt Jacques Venture (17.06.1921 – 01.04.2015)

Heute geht es um Jacques Venture, geboren am 17.06.1921 in Molinghem in der Nähe von Pas-de-Calais. Er starb am 01.04.2015 in Mons-en-Baroeul bei Lille in Frankreich.

Als der Name James Venture in einem Dokument mit der Verbindung nach Ladelund auftauchte, war ich zunächst erfreut über einen völlig neuen Namen, den wir bisher noch gar nicht kannten. Aufgrund des Vornamens „James“ dachte ich sogar erst, ich könnte damit belegen, dass auch Häftlinge aus Großbritannien im KZ Ladelund gewesen waren (das wäre eine echte Sensation gewesen). Bei genaueren Recherchen stellte sich jedoch heraus, James wurde Jacques genannt und war Belgier. Er kam also aus einem Land, aus dem bereits andere Häftlinge des KZ Ladelund bekannt sind.

Neu ist der Name für uns dennoch und Jacques Venture zählt zu den wenigen bekannten Überlebenden des KZ Ladelund. Und wir haben sogar ein Bild von ihm, dass ihn lange nach den Ereignissen in Ladelund zeigt.

Dass seine Leidenszeit im KZ Ladelund und überhaupt der Zweite Weltkrieg ihn nicht losgelassen haben, zeigt seine gesamte Lebensgeschichte.

Jacques Venture arbeitete als Polizist in Lille. Er war Teil des französischen Widerstands. Die Gestapo verhaftete ihn im Juli 1944. Im letzten Deportationszug aus Frankreich (dem „Train de Loos“ aus dem Loos-Gefängnis bei Lille) gelangte er über die Konzentrationslager Sachsenhausen, Neuengamme und Ladelund im Frühjahr 1945 nach Wöbbelin, wo er am 2. Mai 1945 von den Alliierten befreit wurde.

Bei seiner Befreiung wog er nur noch 37 Kg und brauchte lange für seine Genesung. In den Jahren danach übernahm er den Vorsitz einer Organisation, die sich intensiv für die wenigen Überlebenden des letzten Deportationszuges aus Frankreich einsetzte und an dieses Kapitel der Besatzungsgeschichte  erinnerte.

Katja Happe

Józef Jurowicz (25.12.1891 – 06.11.1944)

Heute geht es um Józef Jurowicz, ein Pole deportiert aus Frankreich, geboren am 25.12.1891 in Przechodi, Kreis Białystok. Er starb am 06.11.1944 im KZ Ladelund.

Er kam weder aus  Russland, wie es auf der Bronzetafel an den Gräbern steht, noch kam er aus „Pechechodi“ oder aus „Techechodi“, wie verschiedene NS-Schreiber seinen Geburtsort verstanden und festgehalten haben (und auch nicht aus einem der anderen fünf Przechodys in Polen, Weißrussland oder der Ukraine) und er hieß weder „Jurowritsch“ (Gedenktafel) noch „Jurowitsch“ (auf einer Transportliste) noch „Jurowi(tsch)cz“ (im Ladelunder Beerdigungsregister) oder gar „Jurowico“ (in einer Online-Datenbank) oder „Jurowice“ (Zugangsbuch KZ Dachau).

Wir haben von ihm leider kein Foto – er war ledig und ohne Kinder; es gab nie einen Kontakt zu Mitgliedern seiner Familie.

Was wir von ihm haben, ist eine Unterschrift, die er im KZ Natzweiler-Struthof auf seinem Effektenverzeichnis geleistet hat. (s. Abbildung) Dort steht: Er hatte am 18.08.1944 Folgendes bei sich: 1 Mütze, 1 Paar Schuhe, 1 Paar Strümpfe, 1 Rock, 1 Weste, 2 Hemden, 1 Arbeitsanzug, 1 Handtuch, 1 Taschentuch, div. Papiere.

Wer Józef Jurowicz war können wir daraus nicht ablesen; was ich tun konnte, war herauszufinden, wo er gewesen ist. Das habe ich einige Tage lang versucht. Durch unleserliche Handschriften, Verwechslungen (viele Menschen aus Polen heißen Józef … oder Józefa), deutsche Umschriften oder Lautschriften und variierende Häftlingsnummern habe ich Józef Jurowiczes Weg zurück verfolgt. Die Stationen: KZ Ladelund – KZ Neuengamme – KZ Natzweiler-Struthof – KZ Dachau – Lyon, Frankreich. Frankreich?

Wie kam der polnische Gärtner Józef Jurowicz mit über 600 anderen Menschen in einen Transport, den Konvoi 78, der am 11.08.44 das Gefängnis Fort de Montluc, Lyon, verließ?

Ich finde heraus, dass dieser Konvoi einer der letzten war, die das Gefängnis vor der Befreiung am 24.08.44 verlassen haben. Ungefähr 200-300 nichtjüdische Männer, darunter Józef Jurowicz, wurden am Bahnhof Rothau, ca. 8 km entfernt vom KZ Natzweiler, abgesetzt. Die jüdischen Deportierten wurden nach Auschwitz umgeleitet.

Warum oder wie lange Józef Jurowicz im Gefängnis war, wissen wir nicht. Die Gefängnisbücher sind nicht erhalten. Es gab einen polnischen Widerstand in Lyon, der zerschlagen wurde. Gehörte Józef Jurowicz dazu? Vielleicht. Oder vielleicht war sein „Verbrechen“ bloß zur falschen Zeit am falschen Ort Pole zu sein. Wie er nach Frankreich kam, wissen wir nicht. Worte wie „Deportation“ und „Zwangsarbeit“ kommen mir in den Sinn, aber in Lyon verläuft sich die Aktenspur von Józef Jurowicz, sodass es bis auf Weiteres bei Vermutungen bleiben muss.

J. Rühe,

Praktikantin in der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund