James Joseph Augustin, genannt Jacques, Venture – ein bisher unbekannter Überlebender

Heute geht es um Jacques Venture, geboren am 17.06.1921 in Molinghem in der Nähe von Pas-de-Calais. Er starb am 01.04.2015 in Mons-en-Baroeul bei Lille in Frankreich.

Als der Name James Venture in einem Dokument mit der Verbindung nach Ladelund auftauchte, war ich zunächst erfreut über einen völlig neuen Namen, den wir bisher noch gar nicht kannten. Aufgrund des Vornamens „James“ dachte ich sogar erst, ich könnte damit belegen, dass auch Häftlinge aus Großbritannien im KZ Ladelund gewesen waren (das wäre eine echte Sensation gewesen). Bei genaueren Recherchen stellte sich jedoch heraus, James wurde Jacques genannt und war Belgier. Er kam also aus einem Land, aus dem bereits andere Häftlinge des KZ Ladelund bekannt sind.

Neu ist der Name für uns dennoch und Jacques Venture zählt zu den wenigen bekannten Überlebenden des KZ Ladelund. Und wir haben sogar ein Bild von ihm, dass ihn lange nach den Ereignissen in Ladelund zeigt.

Dass seine Leidenszeit im KZ Ladelund und überhaupt der Zweite Weltkrieg ihn nicht losgelassen haben, zeigt seine gesamte Lebensgeschichte.

Jacques Venture arbeitete als Polizist in Lille. Er war Teil des französischen Widerstands. Die Gestapo verhaftete ihn im Juli 1944. Im letzten Deportationszug aus Frankreich (dem „Train de Loos“ aus dem Loos-Gefängnis bei Lille) gelangte er über die Konzentrationslager Sachsenhausen, Neuengamme und Ladelund im Frühjahr 1945 nach Wöbbelin, wo er am 2. Mai 1945 von den Alliierten befreit wurde.

Bei seiner Befreiung wog er nur noch 37 Kg und brauchte lange für seine Genesung. In den Jahren danach übernahm er den Vorsitz einer Organisation, die sich intensiv für die wenigen Überlebenden des letzten Deportationszuges aus Frankreich einsetzte und an dieses Kapitel der Besatzungsgeschichte  erinnerte.

Katja Happe

Józef Jurowicz (25.12.1891-06.11.1944)

Heute geht es um Józef Jurowicz, ein Pole deportiert aus Frankreich, geboren am 25.12.1891 in Przechodi, Kreis Białystok. Er starb am 06.11.1944 im KZ Ladelund.

Er kam weder aus  Russland, wie es auf der Bronzetafel an den Gräbern steht, noch kam er aus „Pechechodi“ oder aus „Techechodi“, wie verschiedene NS-Schreiber seinen Geburtsort verstanden und festgehalten haben (und auch nicht aus einem der anderen fünf Przechodys in Polen, Weißrussland oder der Ukraine) und er hieß weder „Jurowritsch“ (Gedenktafel) noch „Jurowitsch“ (auf einer Transportliste) noch „Jurowi(tsch)cz“ (im Ladelunder Beerdigungsregister) oder gar „Jurowico“ (in einer Online-Datenbank) oder „Jurowice“ (Zugangsbuch KZ Dachau).

Wir haben von ihm leider kein Foto – er war ledig und ohne Kinder; es gab nie einen Kontakt zu Mitgliedern seiner Familie.

Was wir von ihm haben, ist eine Unterschrift, die er im KZ Natzweiler-Struthof auf seinem Effektenverzeichnis geleistet hat. (s. Abbildung) Dort steht: Er hatte am 18.08.1944 Folgendes bei sich: 1 Mütze, 1 Paar Schuhe, 1 Paar Strümpfe, 1 Rock, 1 Weste, 2 Hemden, 1 Arbeitsanzug, 1 Handtuch, 1 Taschentuch, div. Papiere.

Wer Józef Jurowicz war können wir daraus nicht ablesen; was ich tun konnte, war herauszufinden, wo er gewesen ist. Das habe ich einige Tage lang versucht. Durch unleserliche Handschriften, Verwechslungen (viele Menschen aus Polen heißen Józef … oder Józefa), deutsche Umschriften oder Lautschriften und variierende Häftlingsnummern habe ich Józef Jurowiczes Weg zurück verfolgt. Die Stationen: KZ Ladelund – KZ Neuengamme – KZ Natzweiler-Struthof – KZ Dachau – Lyon, Frankreich. Frankreich?

Wie kam der polnische Gärtner Józef Jurowicz mit über 600 anderen Menschen in einen Transport, den Konvoi 78, der am 11.08.44 das Gefängnis Fort de Montluc, Lyon, verließ?

Ich finde heraus, dass dieser Konvoi einer der letzten war, die das Gefängnis vor der Befreiung am 24.08.44 verlassen haben. Ungefähr 200-300 nichtjüdische Männer, darunter Józef Jurowicz, wurden am Bahnhof Rothau, ca. 8 km entfernt vom KZ Natzweiler, abgesetzt. Die jüdischen Deportierten wurden nach Auschwitz umgeleitet.

Warum oder wie lange Józef Jurowicz im Gefängnis war, wissen wir nicht. Die Gefängnisbücher sind nicht erhalten. Es gab einen polnischen Widerstand in Lyon, der zerschlagen wurde. Gehörte Józef Jurowicz dazu? Vielleicht. Oder vielleicht war sein „Verbrechen“ bloß zur falschen Zeit am falschen Ort Pole zu sein. Wie er nach Frankreich kam, wissen wir nicht. Worte wie „Deportation“ und „Zwangsarbeit“ kommen mir in den Sinn, aber in Lyon verläuft sich die Aktenspur von Józef Jurowicz, sodass es bis auf Weiteres bei Vermutungen bleiben muss.

J. Rühe,

Praktikantin in der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund

Franz Klauser (11.03.1907-06.11.1944)

Die Biografie von Franz Klauser weist einige Besonderheiten für die in Ladelund ermordeten Männer auf. Seine Lebensgeschichte ist relativ gut erforscht; der Hamburger Rainer Hoffschildt hat sich intensiv mit der Biografie beschäftigt und seine Erkenntnisse veröffentlicht. Daneben ist Franz Klauser einer der wenigen Toten des KZ Ladelund, von denen wir wissen, dass sie aufgrund des Vorwurfs der Homosexualität in die Mühlen der NS-Justiz und des nationalsozialistischen KZ-Systems gerieten und in Ladelund ermordet wurden. Neben Franz Klauser ist nur von einem weiteren Häftling ebenfalls bekannt, dass er aufgrund seiner sexuellen Orientierung verhaftet wurde.

Franz Klauser

Der am 11. März 1907 im nördlichen Schwarzwald geborene Franz Klauser arbeitete in verschiedenen Berufen. Er war unter anderem Krankenpfleger, die meisten überlieferten Bilder zeigen ihn jedoch als Hausdiener eines Hotels. Dort war er zuständig für die Vorbereitung von Veranstaltungen und kleinere Arbeiten jeglicher Art für das Haus und die Gäste. Bilder zeigen ihn in einer Hotel-Uniform oder auch im Kreise von Kolleginnen im Garten des Hotels.

Im Jahr 1942 begann Franz Klausers Odyssee durch das nationalsozialistische Justizsystem. Er wurde wegen Verstoßes gegen den § 175, der Homosexualität unter Strafe stellte, verhaftet und am 7. Januar 1942 in das Gerichtsgefängnis Überlingen eingeliefert. Kurze Zeit später verurteilte ihn das Gericht zu einer Haft von 2 Jahren und 3 Monaten. Statt nach der Verbüßung seiner Haftstrafe freizukommen, wurde er unmittelbar in das KZ Natzweiler eingewiesen. Seine Familie wartete vergebens auf seine Rückkehr. Aus dem KZ Natzweiler wurde er in das KZ Dachau und in das KZ Neuengamme deportiert. Von dort führte ihn sein Leidensweg Anfang November in das KZ Ladelund. Hier starb er am 6. November 1944. Ein Stolperstein in Überlingen erinnert an ihn.

Wassilij Chramow (03.5.1917-11.11.1944)

Der Krieg in der Ukraine ist derzeit immer Thema in den Nachrichten.

In Schytomyr wurde vor mehr als hundert Jahren, am 3. Mai 1917, Wassilij Chramow geboren. Nach einer langen Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager im Jahr 1944 starb er am 11. November 1944 in Ladelund und wurde in Grab Nr. 3 begraben.

Viel wissen wir nicht über Wassilij Chramow. Leider haben wir auch kein Bild. Wir wissen, dass Wassilij Chramow Koch war. Die deutsche Sicherheitspolizei in Bialystok wies ihn im April 1944 in das KZ Stutthof ein, vermutlich weil er sich der Zwangsarbeit entzogen hatte. Vom KZ Stutthof in der Nähe von Danzig begann seine Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager. Jeweils nur wenige Wochen oder Monate war er nach Stutthof im KZ Natzweiler, dem KZ Dachau und dem KZ Neuengamme. Von Neuengamme wurde er Anfang November 1944 in das KZ Ladelund deportiert; hier starb er keine zwei Wochen später. Als Todesursache wird in den Dokumenten „Selbstmord durch Erhängen“ genannt. Statt der immer wiederkehrenden Todesursache „Dysenterie“ (auch „Ruhr“ genannt), die bei den meisten Häftlingen eingetragen wurde und auf eine Durchfallerkrankung und Entkräftung durch die erlittenen Entbehrungen, die schlechte Versorgung und die schwere Arbeit beim Ausheben des Panzerabwehrgrabens hinweist, hat Wassilij Chramow sich anscheinend dazu entschieden, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Vermutlich, weil er völlig entkräftet war und keinen anderen Ausweg aus der Situation mehr sah.

Nach fast einem Jahr Kriegsdauer sind auf beiden Seiten des aktuellen Konflikts in der Ukraine schon zehntausende von Menschen gestorben. Das dadurch hervorgerufene Leid wird am Ende des Krieges nicht aufhören. Ganze Generationen werden in der Ukraine mit den Geschehnissen und der Traumatisierung durch den russischen Angriff leben müssen. Irgendwann wird es auch in der Ukraine Gedenkstätten geben, die an die Opfer dieses Krieges erinnern.
In Ladelund haben wir in Erfahrung gebracht, dass es beharrlicher Arbeit und viel emotionaler Zuwendung bedarf, um den Angehörigen der Opfer ein würdevolles Gedenken zu ermöglichen und eine angemessene Erinnerung für junge Generationen zu bewahren.

Der russische Angriffskrieg war und ist nicht zu rechtfertigen. Daran mahnt uns das Grab von Wassilij Chramow in Ladelund.

Bortolo Martino (genannt Lino) Gatti (6.7.1911-19.11.1944)

Lino Gatti als Carabinieri

Nachruf auf Lino Gatti

36 Männer aus Italien sind im KZ Ladelund ermordet und auf dem Friedhof an der Ladelunder Kirche St. Petri begraben worden. Neben den Niederländern bilden die Italiener die zweitgrößte Opfergruppe in Ladelund. Viele der Männer stammten aus der Region um Nimis, einem Ort im Osten Italiens nahe der Grenze zu Slowenien. Zu ihnen gehörte Lino Gatti nicht.

Als jüngstes von fünf Kindern wurde Lino, wie die Familie ihn nannte, in Iseo, in der Nähe von Bergamo geboren. Die Familie zog später nach Turin um und Lino Gatti wurde Militärpolizist. Er kämpfte mit der italienischen Armee in Äthiopien und Libyen. Nach einer Verwundung gelangte er erst nach Neapel und dann nach Triest. Dort heiratete er. Vermutlich im Herbst des Jahres 1944 wurde Lino Gatti verhaftet. Die Umstände seiner Festnahme sind unbekannt, ebenso der Ort seiner Verhaftung. Fest steht, das seine Odyssee durch die verschiedenen Konzentrationslager im Oktober 1944 begann, die ihn am Ende nach Ladelund führte. Zunächst wurde er im KZ Dachau inhaftiert, von dort wurde er am 23. Oktober in das KZ Neuengamme deportiert. Wann genau er von dort in das KZ Ladelund verlegt wurde, ist ebenfalls nicht bekannt. Im KZ Ladelund starb er am 19. November 1944 und wurde in Grab Nr. 6 beerdigt.

Seine Familie blieb lange im Ungewissen über sein Schicksal. Erst im Mai 1946 erreichte ein Brief von Pastor Meyer die Familie, der sie über den Tod Lino Gattis informierte. Meyer schrieb seinen Brief auf Italienisch. Wie es dazu kam, ist leider nicht bekannt.

Brief J. Meyer an Fr. Gatti in 05.1946

Mit dem Neffen von Lino Gatti, Massimo Grassi, hat die Gedenkstätte seit einigen Jahren Kontakt. Er teilte im letzten Jahr mit, dass seinem Onkel Bortolo Gatti posthum vom Präsidenten der Italienischen Republik eine Ehrenmedaille verliehen wurde.

Wichert Bakker (27.11.1913-14.11.1944)


Wichert Bakker

Im Juni 2022 waren wieder einmal Angehörige der im KZ Ladelund Ermordeten zu Besuch in der Gedenkstätte. Zum ersten Mal besuchte das Ehepaar Mons Ladelund und Henry Mons konnte das Grab seines Onkels Wichert Bakker sehen. Es ist immer wieder ein bewegender Moment, Angehörige bei ihrem ersten Besuch an den Gräbern zu begleiten.

Auch in der Ausstellung begegnen Besucher*innen der Lebensgeschichte und vor allem dem Weg von Wichert Bakker nach Ladelund. Nach seiner Verhaftung bei der Razzia in Putten wurde Wichert Bakker zusammen mit den anderen Männern aus Putten über das Lager Amersfoort in den Niederlanden nach Neuengamme deportiert. Auf der Zugfahrt von Amersfoort nach Neuengamme gelang es Wichert Bakker, einen Brief aus einer Öffnung des Zuges zu werfen. Der Brief wurde von einer Passantin gefunden, die ihn den Angehörigen von Wichert Bakker in Putten überbrachte.

Der Brief ist kaum lesbar, schnell hingekritzelt auf der Rückseite einer Rechnung eines Großhändlers, der den Kolonialwarenladen Bakkers in Putten beliefert hatte. Als Faksimile ist der Brief heute in der Ausstellung zu sehen.

Brief von Wichert Bakker

In dem Brief an seine Frau und die vier Kinder verabschiedet Wichert Bakker sich. Seine Sorge gilt dem Wohlergehen der Familie. Er teilt seiner Frau mit, welche Rechnungen noch zu bezahlen sind, und von wem noch Zahlungen erwartet werden. Der Brief zeigt, dass die verhafteten Männer in Putten mitten aus ihrem normalen Leben gerissen wurden. Weder wussten sie, wohin sie transportiert wurden, noch hatten sie eine Möglichkeit, für die zurückbleibenden Frauen und Kinder zu sorgen. Dennoch versucht Wichert Bakker in seinen Abschiedszeilen Optimismus zu verbreiten. Er schließt mit Grüßen an seine Frau und die Kinder und mit einem „Bis bald“.

Dazu sollte es jedoch nicht kommen. Nach der Ankunft im KZ Ladelund Anfang November 1944 starb Wichert Bakker nach zwei Wochen aufgrund der schweren Arbeit und schlechten Ernährung. Er wurde zusammen mit anderen im KZ Ladelund ermordeten Männern am 14. November 1944 in Grab Nr. 4 neben der Kirche St. Petri beigesetzt.

Wouter Rozendaal (16.2.1905-20.2.1992)

Schon an den Lebensdaten können Sie sehen, dass Wouter Rozendaal einer der Überlebenden des KZ Ladelund gewesen ist. Er stammte wie viele der anderen Häftlinge im KZ Ladelund aus dem niederländischen Ort Putten.

Wouter Rozendaal
Die Familie Rozendaal während der Besatzungszeit

Wie die anderen Häftlinge aus Putten, wurde er nach dem Anschlag vom 1. auf den 2. Oktober 1944 verhaftet und nach einem Zwischenstopp im polizeilichen Durchgangslager Amersfoort in das KZ Neuengamme deportiert. Dort kam er am 14. Oktober 1944 an. Wenige Tage später führte sein Leidensweg ihn weiter in das KZ Husum-Schwesing und am 1. November 1944 schließlich in das KZ Ladelund.
Im KZ Ladelund blieb Wouter Rozendaal bis zum Ende des Bestehens des Lagers Mitte Dezember 1944. Durch die Arbeit entzündete sich Anfang November 1944 sein Fuß , so dass er nicht mehr weiter am Bau des Panzerabwehrgrabens arbeiten konnte. Er erreichte seine Einweisung in die Krankenbaracke des Lagers und blieb dort bis zur Auflösung des Lagers am 16. Dezember 1944. Möglicherweise rettete ihm das sein Leben.
Mit der Auflösung des Lagers wurde Wouter Rozendaal zurück in das KZ Neuengamme geschickt. Seine Leidenszeit war damit noch nicht zu Ende. Am 29. März 1945 – er war mittlerweile völlig geschwächt – kam er in das Außenlager Salzgitter-Watenstedt und am 14. April 1945 in das KZ Ravensbrück. Während des Evakuierungsmarsches des Lagers konnte er am 1. Mai 1945 bei Malchow fliehen. Er schlug sich auf abenteuerlichen Wegen alleine nach Hause in die Niederlande durch. Dort kam er am 5. Juni 1945 an.

Noch im Sommer 1945 zeichnete er seine Odyssee durch die verschiedenen Konzentrationslager auf. Sein Erinnerungsbericht „Aus tiefer Not“ ist eine der wichtigsten Quellen zum KZ Ladelund. Er beschreibt darin den Tagesablauf im Lager, seine Erfahrungen der KZ-Haft und die gemeinsamen Anstrengungen zum Überleben. Er berichtet von den Entbehrungen, dem ständigen Hunger und der unmenschlichen Behandlung. Zum KZ Ladelund schreibt er: „So schlecht, wie wir es dort hatten, hatten wir es in keinem einzigen Lager gehabt.“

Bericht von Wouter Rozendaal „Aus tiefer Not“

In Putten kehrte er zurück zu seiner Frau Hendrikje und den acht gemeinsamen Kindern. Soweit er dies konnte, informierte er die Familien der anderen Männer, die nach der Razzia in Putten verhaftet worden waren, über das Schicksal ihrer Familienangehörigen. 1979 besuchte er zum ersten Mal nach Kriegsende Ladelund, die Kirche und die Gräber der im KZ gestorbenen Männer. Er starb im hohen Alter von 87 Jahren im Februar 1992.

Wouter Rozendaal in hohem Alter

Boleslaw Kawka (19.8.1919-14.11.1944)

Boleslaw Kawka ist einer der Häftlinge aus dem Osten Europas, über den relativ viel bekannt ist. Dies liegt auch daran, dass Oliver Schultz, der Mitte der 1990er Jahre seinen Zivildienst in der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund ableistete, im Jahr 1996 zusammen mit sechs Jugendlichen aus Ladelund und Umgebung eine Reise nach Polen unternahm. Dort versuchte die Gruppe Angehörige von Männern aufzuspüren, die in Ladelund ermordet worden waren. In Wronki , einer kleinen Stadt nordwestlich von Posen traf die Gruppe die Schwester und den Freund von Boleslaw Kawka.

Jugendliche aus Ladelund und Umgebung in Wronki, 1992

Boleslaw Kawka wurde 1919 in Nowa Wieś geboren und wuchs im nahegelegenen Ort Wronki auf, in dem seine Familie wohnte.

Gehöft der Familie Kawka

Schon gleich nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen wurden polnische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit in Deutschland gezwungen, um den in Deutschland herrschenden Arbeitskräftemangel auszugleichen. Ab März 1940 wurden immer mehr polnische Männer ebenfalls zur Zwangsarbeit in Deutschland verpflichtet. Auch Boleslaw Kawka und sein Freund Ludwik Biniek mussten zusammen mit anderen jungen Männern aus Wronki im Juni 1940 ihre Heimat verlassen. Sie gelangten auf das bei Berlin gelegene Gut von Alfred Egon Gustav von Bake, auf dem sie in der Landwirtschaft arbeiten mussten. Der Gruppe der Zwangsarbeiter auf dem Hof in Pessin ging es vergleichsweise gut.

Gruppe polnischer Zwangsarbeiter in Pessin (B. Kawka ganz links)

Sie konnten Briefe und Pakete mit Nahrungsmitteln von Zuhause empfangen und die Arbeit auf dem Hof war erträglich. Als sowjetische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter auf das Gut von Alfred Egon Gustav von Bake kamen, musste Boleslaw Kawka seine Arbeitsstelle wechseln. Auf der neuen Arbeitsstelle verschwand eines Tages eine Pute und Boleslaw Kawka wurde beschuldigt, sie gestohlen zu haben. Aufgrund dieser Anschuldigung wurde er verhaftet. Im Jahr 1944 gelangte er über das KZ Neuengamme in das Lager Ladelund, wo er am 14.11.1944 starb.

Stefan Zawadzki (1.9.1896 – 30.11.1944)

Auf den Bronzeplatten bei den Gräbern findet man den Namen Zawadzki nicht! Nicht unter den getöteten Häftlingen aus Polen (denn Zawadzki wurde in Polen geboren), noch unter den Opfern aus Frankreich, wohin er als kleiner Junge mit seinen Eltern ausgewandert war. Warum erinnern wir dann aber dennoch an ihn als einen der im KZ Ladelund getöteten Männer?

Sein Name findet sich in den Listen der Getöteten und auch auf der mittleren Bronzeplatte hinter den Gräbern, auf der die Namen der Opfer aus Polen stehen. Allerdings nicht unter dem Namen Zawadziki, sondern „Zawalki“.

Woran liegt das? Vermutlich ist die falsche Schreibweise des Namens bei der Registrierung von Stefan Zawadzki im Lager entstanden. Die Häftlinge mussten ihre Namen sagen und je nachdem, was die Schreiber bei der Registratur verstanden, wurde ein „falscher“ Name aufgeschrieben. Gerade bei Namen polnischen Ursprungs führte dieses „phonetische“ Festhalten des Namens oft zu falschen Schreibweisen der Namen. Im Jahr 1950, als die Bronzetafeln hinter den Gräbern erstellt wurden, gab es nur wenig Kontakte zu den Angehörigen der Opfer. Falsche Namensschreibweisen konnten deshalb nicht korrigiert werden.

Als die Angehörigen von Stefan Zawadzki aus Frankreich im Frühjahr 2020 Kontakt mit der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte aufnahmen, war dies eine der ersten Fragen und Hinweise. Die Familie war nach dem Ende des Krieges lange Zeit im Ungewissen darüber geblieben, was mit Stefan Zawadzki passiert war. Erst 2003 erfuhr die Familie, dass Stefan Zawadzki in einem deutschen KZ ums Leben gekommen war. Und erst 2019 konnte die Familie mit Hilfe der Arolsen Archives ermitteln, dass er in Ladelund gestorben war und auch hier begraben wurde. Nach der ersten Kontaktaufnahme im letzten Jahr begann die Familie genauso wie das Team der KZ Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund mit den Planungen für einen Besuch der Familie. Nach Verschiebungen des Besuchs durch die Corona-Situation war es im September 2021 dann endlich so weit: Die jüngste Tochter von Stefan Zawadzki konnte das Grab ihres Vaters in Ladelund besuchen.

Lucie Bournoville und ihr Ehemann finden den Namen von Stefan Zawadzki auf den Tafel hinter den Gräbern.

Zusammen mit ihrem Ehemann, zwei ihrer Kinder und deren Ehepartnern sowie einem ihrer Enkel konnte Lucie Bournoville nach 77 Jahren am Grab ihres Vaters in Ladelund stehen. Für alle Beteiligten, besonders aber natürlich für Lucie Bournoville, war dies ein bewegender Moment. Für Lucie Bournoville bedeutete dieser Besuch einen Abschluss und ein Ende der Ungewissheit, was mit ihrem Vater nach dessen Deportation passiert war. Nun gibt es einen Ort, an dem sie und auch ihre Familie trauern und sich an Stefan Zawadzki erinnern und an ihn denken können.

Für die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund sind die Besuche von Angehörigen immer ein besonderer Moment. Auf der einen Seite geht es um die Möglichkeit für die Angehörigen, wie bei Lucie Bournoville, einen Abschluss zu finden und an einem Grab trauern zu können. Die Kommunikation mit den Angehörigen, das Erzählen über das Leben der Toten und ihrer Familie, der Besuch des ehemaligen Lagergeländes, des Panzerabwehrgrabens und die Bemühungen der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund, die Erinnerung an das Geschehene wach zu halten und den Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben an die jüngeren Generationen weiterzugeben, gibt auf der anderen Seite gleichzeitig den Anlass zu Versöhnung, zu gegenseitigem Kennenlernen und Verstehen.

Besuch am ehemaligen Lagergelände des KZ Ladelund

Beim Besuch der Familie Bournoville in Ladelund hat beides stattgefunden. Die Trauer an den Gräbern und das gemeinsame Gespräch. Zur besseren Verständigung haben drei Übersetzer:innen beigetragen, für deren Anwesenheit wir immens dankbar waren. Und auch ein ökumenischer Gottesdienst in der St. Petri Kirche, der von einem katholischen Priester für alle Anwesenden gefeiert wurde, war für Lucie Bournoville und ihre Familie eine große Hilfe an diesem Tag.

Ökumenischer Gottesdienst in St. Petri
Familie Bournoville vor der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte (links: die Übersetzer:innen, mittig die Familie und rechts die Leiterin der Gedenkstätte)

Nach diesem Bericht über den Besuch der Familie Bournoville aber noch kurz zur Lebensgeschichte von Stefan Zawadzki:
Stefan heiratete 1917 im damaligen Polen Stefania Stamborska, die in derselben Gegend wie er geboren worden war. Ungefähr vier Jahre später wanderte die Familie nach Frankreich aus, wo Stefan Zawadzki zunächst im Bergbau arbeitete, bevor er einen Lebensmittelladen eröffnete. Die Familie wächst und die Eheleute bekommen vier Töchter und einen Sohn. 1934 wird Stefan Zawadzki französischer Staatsbürger.

1940 überfällt die Deutsche Wehrmacht Frankreich und besetzt den nördlichen Teil des Landes. In der Folge schließt sich Stefan Zawazki dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer an. Er wird Mitglied des Netzwerks polnischer Widerstandskämpfer. Im Rahmen seiner Widerstandsaktionen verteilte er Flugblätter und verübte kleinere Sabotageakte. Zudem stellte er sein Haus für geheime Treffen des Widerstands zu Verfügung. Dort versteckte er auch eine geheime Funkausrüstung, mit der Informationen an die polnische Exilregierung in London übermittelt werden konnten. Am Abend des 3. August 1944 wird Stefan Zawadzki mit fast allen Mitgliedern seiner Familie verhaftet und in einem Gefängnis in der Nähe von Lille inhaftiert. Nach einem Monat kommen Mitglieder der Familie frei. Stefan und der Funker Leon Zapała werden jedoch am 1. September 1944 (Stefans Geburtstag) nach Deutschland deportiert. Er kommt zunächst in das KZ Sachenhausen, Mitte Oktober dann in das KZ Neuengamme. Von dort wird er Anfang November 1944 in das KZ Ladelund deportiert. An den Entbehrungen durch die schwere Arbeit und die schlechte Versorgung stirbt Stefan Zawadzki am 30. November 1944 in Ladelund und wird durch Pastor Meyer neben der Kirche St. Petri bestattet.

Viktor Brunclair (18.10.1899 – 21.11 .1944)

Heute möchte ich Ihnen Viktor Brunclair (18.10.1899 – 21.11 .1944) vorstellen.

Portrait Viktor Brunclair

Viktor Brunclair ist einer der fünf Männer aus Belgien, die im KZ Ladelund ums Leben kamen, und er ist einer der wenigen (wenn nicht sogar der Einzige), über den es einen eigenen Wikipedia-Eintrag gibt:

https://nl.wikipedia.org/wiki/Victor_Brunclair

Sogar eine Biografie über ihn mit mehreren hundert Seiten steht in unserer Bibliothek (Dieter Vandenbroucke: Dansen op een vulkaan, Antwerpen 2013)  – er war in den 1920er und 1930er Jahren in Belgien ein bekannter Schriftsteller, von dem mehr als 40 Veröffentlichungen existieren. Zudem war er politisch aktiv in der flämischen Bewegung. Dass er trotzdem als KZ-Häftling nach Ladelund kam und hier starb, ist bei näherer Betrachtung zunächst verwunderlich, weil er politisch in einem nationalistisch geprägten Umfeld aktiv war. Gleichzeitig zeigt seine Lebensgeschichte, wie schnell ein Mensch aus geordneten und durchaus gut situierten Verhältnissen in der Zeit der nationalsozialistischen Besetzung Belgiens in den Fokus der Besatzer geraten konnte und als politischer Gegner des Systems eingestuft wurde.

Doch zunächst zurück zum Lebensanfang und der Jugend Viktor Brunclairs. 1899 geboren als uneheliches Kind, dessen Vater unbekannt blieb, starb seine Mutter nur sechs Monate nach der Geburt des Jungen. Viktor Brunclair wuchs daraufhin bei seiner Großmutter mütterlicherseits in Antwerpen auf.

V. Brunclair mit seiner Großmutter

Großmutter und Enkel lebten in angespannten finanziellen Verhältnissen, was auch dazu führte, dass Viktor Brunclair keine weiterführende Schule besuchen konnte. Seine späteren Erfolge als Schriftsteller sind auf intensive autodidaktische Weiterbildung zurückzuführen. Seit 1915 veröffentlichte er kleinere Texte, meist im flämischen Milieu, zudem arbeitete er als Redakteur der flämischen Zeitschrift Vlaamse Arbeid. Während er in den 1920er und 1930er Jahren als Buchhalter bei einer Antwerpener Diamantenfirma sein Geld verdiente, publizierte er weitere Texte und war aktiv in der flämischen Theaterszene als Autor und Organisator.

Viktor Brunclair (1917)

Die Besetzung Belgiens im Sommer 1940 schien für Brunclair zunächst kein großes Problem darzustellen. Sein Einsatz für die Flämische Bewegung, deren Mitglieder oft mit den deutschen Besatzern kollaborierten und einen unabhängigen Staat Flandern propagierten, stellte ihn in eine ideologische Nähe zu den Besatzern. Dazu passte auch seine Tätigkeit als Redaktionssekretär des Wochenblattes Ulenspigel (Eulenspiegel). Interessanterweise wurde genau diese Zeitschrift von der kommunistischen Partei Belgiens unterstützt und unternahm den heute seltsam anmutenden Versuch, die dem rechten Spektrum zugetanen flämischen Nationalisten für die kommunistische Partei zu gewinnen. Brunclair selbst sah sich als Autor durch seine künstlerische Unabhängigkeit und Neutralität geschützt. Dennoch wurde er im Dezember 1941 unter dem Vorwurf verhaftet, einen anonymen Drohbrief gegen Mitglieder und die politische Ausrichtung der flämischen Oper in Antwerpen geschrieben zu haben. Nach sechsmonatiger Haft kam er jedoch nicht frei. Der Fund von illegalen Flugblättern bei ihm und seine Denunziation wegen der Beleidigung eines extremen flämischen Nationalisten führten zu einem erneuten Gefängnis-Aufenthalt. Im September 1944 wurde V. Brunclair als KZ-Häftling zunächst in das KZ Sachsenhausen gebracht. Von dort führte sein Weg in das KZ Neuengamme und von dort nach Ladelund, wo er am 21. November 1944 verstarb.